Wenn Arbeit Mut kostet

Wenn Arbeit Mut kostet

Und ich meine hier keine halsbrecherischen Aktionen, sondern ganz normale Arbeit und ich meine den Mut des Pferdes, nicht des Menschen.

Irgendwann kommt mit jedem Pferd der Moment, wo es – warum auch immer in dem Moment- sich nicht sicher ist, ob es Eurer Anforderung jetzt nachkommt. Je nach Temperament und Vorerfahrungen (welche Konsequenzen haben Fehler) wird es

die Situation entweder aussitzen und auf weitere Hilfe von Euch warten (das wäre gut, denn dann stimmt alles in der Arbeitspartnerschaft)

sich fürchten und verweigern (was heißt, das entweder jetzt oder früher was nicht stimmt(e))

unsicher nachfragen, sich aber dann ein Herz fassen und anbieten, was es für die richtige Reaktion hält (was ebenfalls gut ist, denn dann ist man auf dem richtigen Weg)

Mit Gladur hat man solche Momente oft, wenn man nah am Pferd mit ihm arbeitet, also Führen auf kurze Distanz, Arbeit an Zügel oder Langzügel. 

So gern er freilaufend am liebsten auf den Schoß möchte und sich überall halten und berühren lässt- so unheimlich findet er oft noch die direkte Nähe eines Menschen in einer Arbeitssituation. An solchen Tagen braucht er sehr viel Ansprache und viele Berührungen, die nicht mit der Arbeit zu tun haben- so zum Beispiel am Langzügel einfach mal die geöffnete Hand flach auf die Kruppe legen und streicheln. Nach und nach, so fühlt man dann, weicht die Spannung und der Atem wird tiefer. Diese Tage sind selten geworden, aber sie werden uns wohl immer begleiten.

Deutlich öfter passiert es, das innerhalb einer Arbeitseinheit plötzlich ein Wunsch von mir außerhalb von Gladurs Komfortzone liegt. Sei es, weil es für ihn neu ist. er das nicht so gerne macht oder er gerade selber eine andere Idee hatte, der er nun nicht nachkommen kann. 

Was dann typisch ist, ist eine -so nenne ich das immer für mich- Verzögerung. Er hat meine Anweisung wahrgenommen und hätte auch eine Antwort darauf, aber aus irgendwelchen Gründen, will er die lieber nicht so spontan geben. Was manchmal auch ganz gut ist, denn wenn er sich aus eigenen Gründen zu eingeengt fühlt, kann das auch schonmal ein ernstes Drohen sein, was als Antwort kommt – besser also, er überlegt nochmal.  Diese Verzögerung darf man sich aber nicht minutenlang vorstellen- es sind nur wenige Sekunden, die ich deuten kann, da ich ihn jetzt schon so gut kenne. Sekunden, in denen er mit sich ringt.

Aber immer öfter kommt dann nicht mehr Ablehnung, sondern ein zunächst zaghaftes Angebot, mit angehaltenem Atem. Liegt er mit seiner Idee komplett daneben, mache ich einfach gar nichts oder korrigiere ihn freundlich, falls nötig.

Bei jedem kleinen Hauch in die richtige Richtung gibt es Lob, zuerst mit der Stimme und dann nach dem Anhalten auch gern einen Keks.

Und immer öfter sieht man beim Stimmlob das “Aha” deutlich in seinem Gesicht und es folgt unmittelbar ein Ausdruck von “Stolz”- das ganze Pferd wächst sichtbar ein paar Zentimeter und die angebotene Lösung wird mit deutlichem Nachdruck wiederholt.

Viel wichtiger als das was er eigentlich lernen soll, ist dabei etwas ganz anderes- Gladur lernt gerade, das Fehler nicht schlimm sind. Er lernt, das es sich lohnt seinen ganzen Mut zusammenzunehmen und einfach auszuprobieren, was gemeint sein könnte.

Das zweite was er lernt, ist das “Nein” in Ordnung ist. Wenn er sich komplett außer Stande sieht, zu verstehen oder zu machen was er gerade soll, dann akzeptiere ich sein Nein, breche ab, sortiere uns neu und frage später noch einmal nach. Auch das wirksame Nein macht etwas mit ihm. Im Gegensatz zum Lob wird er zwar nicht größer, aber dafür locker. Er atmet oft hörbar aus und verliert einen kleinen Moment seine Körperspannung. Es erleichtert ihn buchstäblich, das seine Zeichen gelesen und richtig erkannt werden.

Ein Meilenstein auf seinem Weg. 

Zwei so vermeintlich kleine Dinge, der Mut Fehler zu machen und das Wissen NEIN sagen zu können, sie stellen seine kleine große Pferdewelt auf den Kopf- aber in einer guten Weise.

Es sollte selbstverständlich sein so zu arbeiten. In Gesprächen und Beobachtungen ist es das aber oft nicht. Oft stimmt auch die Selbstwahrnehmung nicht und die Leute denken, das sie so arbeiten, strafen aber reflexhaft trotzdem bei Fehlern ohne die Ursache zu suchen.

Ich arbeite schon lange so, aber es braucht viele, viele verlässliche Wiederholungen bis es ankommt und sich setzt. Anscheinend ist es so wie mit einer Bewegung, die neu erlernt oder überschrieben werden soll. Bis der Körper sie selbstverständlich ausführt sind rund 10.000 Wiederholungen nötig. 

 

English Version

When you need to be brave to work

And I am not talking about the human but the horse in this case and I am also not hinting at stuntlike stuff, but rather the little demons that can lurk in everyday work.

With every horse you get sooner or later to a point when it will not do what you ask, but rather be insecure about that. Depending on its temperament and experiences in its previous life, the horse will answer in different ways.

It may simply wait for more detailed instructions from you (which would be great, because it means you have a working partnership going there)

It may get scared and refuse to cooperate (which means that earlier in training or right now something is going wrong)

Or it will shyly ask for more information, offering a first idea in a hesitant manner. (which would also be good, as you are on the right way)

It all depends on what the consequences for making an error have been in this horse’s training so far. 

Gladur often has issues when working in close contact with humans, as in work on rein or long rein. 

While he loves to be like a lap dog, when he is running all free, he is still often unsettled by having his human so close by in a potentially dangerous situation- at work.

When it is one of those days, he needs a lot of reassuring talking to and many friendly touches that are not in context with the actual work. You can for example open one hand and place it on his hindquarters while walking with him there using the long reins. Bit by bit you can feel the tensions evaporate and the breath become less shallow. Those days have become few, but I doubt they will ever be completely gone. 

Much more frequently it happens during a work session, that we cross over in the area outside of Gladur’s inner comfort zone. This may happen, because this is something new, something he doesn’t like very much or had a very different idea of what to do now all together. 

What typically follows is what I call a slow-down. He did notice and interpret my demand, but for a reason he does not want to answer it right away.  Sometimes this can be good, as he is still prone to threatening behaviour if you have involuntarily cornered him somehow (mostly, that is in his head)- so it is a good thing if he rethinks his gut reaction.  This slow down is actually just a few seconds, though, bystanders probably don’t notice it that obviously. I notice and interpet it, because I know him so well by now. 

More and more often you do get no longer refusals but a hestitant offer, sort of with a held breath. If he is completely wrong with his idea, I do nothing about it or give him a friendly correction, where it is needed.

At the slightest hint at the right direction, he receives praise by voice and as a second reinforcement also getting a treat as soon as I have stopped him.

And more and more often you see the “Oohh correct!” dawn on his face when he hears the praise und this expression is unmistakably followed by something like “pride”. You can see the whole horse looks a few centimeters taller and he repeats the solution he offered once more and with much more expression and determination. 

Much more important than the actual lesson is something else, though: Gladur learns that mistakes are not a big deal. He learns to take heart and just offer what he thinks is the right answer.

The second thing he learns is the NO. That it is ok to say NO. If he totally can’t comply to my demand, then I accept his no, stop what we are doing, do somethingelse and ask later again for the thing in question. The working concept of saying NO is also having effect on him. It does not make him tall and proud but more a happy limp noodle, LOL. He is visibly relaxing in such situations, loosing body tension and often exhaling audibly. He is very relieved that he has been understood.

A true milestone on his way.

Two things so seemingly small, the courage to make mistakes and the knowledge that a NO does not hurt. They turn his little big world upside down, but they do it in a good way.

It should be absolutely logical to train animals this way, but apparently it isn’t. In conversations and while watching others train, I see it is not. Often people aren’t even on purpose still doing it the other way, they simply lack the self reflection to notice what they do.

I am working like this for a long time now, but it still takes many many repetitions of such trust worthy behaviour until it begins to settle in the animal’s brain. It probably is the same as with the body that learns a new move or erases a wrong move- it takes over 10.000 repetitions to settle this as normal in the brain. 

 

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