The Comeback Kid

***Werbung- Text enthält Nennungen der angewandten Therapiemittel***

Oder – wie ich den vielen Versuchungen widerstand.

Seit im April das Wetter so kalt wurde, war aus dem wie ein Uhrwerk laufenden Glaður ein vorsichtig gehendes Pony geworden, was manchmal einen gestörten Bewegungsablauf vorn links hatte und mal nicht. Alles sah nach einer blockierten Schulter aus. Hätte Sinn gemacht, da bei Schmerzen hinten rechts automatisch vorne links belastet wird und dann das nasskalte Wetter… 

Tierärztin hat geschaut- nicht eindeutig lahm und sehr bewegungsfreudig- er soll weiter laufen, aber ein Auge drauf.  Zudem einen der üblichen 7 Tage Schmerzmittel und gucken Versuche. Danach Lesley gerufen, die Schulter war in der Tat sehr fest und das Pony etwas schief, Aber auch hier, nicht eindeutig lahm. Gegen die klemmende Schulter hat sie etwas getan und uns ein Programm dagelassen. Allerdings kam von ihr auch der allererste Hinweis, das sich weiter unten am Bein die Ursache finden könnte, da er beim Schaukeln am Mähnenkamm nicht mitgeschwungen ist, sondern von einem Bein aufs Andere getreten ist. 

Nachdem ich in der Nachbereitung erfolgreich die Schulter gelöst hatte, war diese locker- und Glaður richtig lahm.  Wieder Tierärztin- jetzt Gangbild eindeutig, Beugeprobe- ja, das Fesselgelenk tut richtig weh. In seinem Alter steht meistens “Arthrose” als erster Gedanke vor “Unfall” im Raum, somit haben wir das Gelenk geröngt- das sah zum Glück prima aus und hatte nicht die kleinsten Abnutzungserscheinungen irgendwo. Somit blieb, bei Weichteilreizung im Gelenk, dann die übliche Behandlung- anspritzen mit Hyaluronsäure und Kortison. 

Ich habe mich ja immer vor Gelenkspritzen gegruselt, eben weil es dieses Restrisko gibt, Keime einzutragen. Aber weil Glaður sich bisher noch nie von den wildesten Bazillen hat unterkriegen lassen und weil meine Tierärztin das schon unzählige Male gemacht hat und ich ihr vertraue, haben wir das dann auch getan. Und er war so tapfer- vor dem Rasierer hatte er eine Heidenangst, die Einstiche hat er stoisch ertragen.

Gladur mit Verband im Krankenpaddock

Danach hieß es erstmal Knast- die ersten 48 Stunden sind die Wichtigsten zur Wirkung und auch danach ist es besser, wenn das Pferd nicht wild tobt- was gar nicht so leicht ist, wenn es plötzlich nicht mehr wehtut. Trotzdem blieb er nur 2 Tage eingesperrt und durfte danach wieder mitlaufen, nur wenn Situationen anstanden, die zum Laufen einluden wurde er wieder eingesperrt, bzw. geführt. Den Rest der Zeit den man nicht da ist- aufs Beste hoffen. Jedes andere Pferd hätte ich stur länger eingeknastet, aber er verträgt das ja immer gar nicht und rennt dann irgendwann die Wände hoch und er ist auch wenig nett, wenn er zu lange der Herde fernbleibt. Somit ist es bei ihm immer besser er läuft mit, sofern noch alle Beine dran sind.  Parallel zu der Spritze erhielt er noch 10 Tage Schmerzmittel, welches super anschlug, er war lahmfrei. 

Nach dem Schmerzmittel kam nach wenigen Tagen die Ernüchterung- lahmt immer noch. Und zeigt schon wieder diesen Holzbeingang. Also wieder Tierarzt. Nochmal spritzen. Bis zu drei Spritzen sind hintereinander möglich und teilweise auch nötig. Wie bei der ersten Spritze bekam er extra etwas weniger Kortison als üblich in den Mix, um dem Cushing Rechnung zu tragen. Lokal angewendet kann das Kortison zwar nicht viel anrichten, aber lieber safe than sorry, wie es so schön heißt. Schmerzmittel gab es beim zweiten Mal nicht. 

Lahmfreiheit auch erstmal nur kurz, es blieb bei vorsichtigen Schritten und on-off-lahm. Da ich sowieso mit Yvonne einen Termin machen wollte, dachte ich es kann ja nicht schaden, wenn sie auch mal guckt. Und- an dem Tag an dem sie da war, hatte das Bein unten am Fesselgelenk eine schwammige Konsistenz und zu aller Begeisterung waren auch noch die Sehnen am Röhrbein berührungsempfindlich. Also, nächster Tag mal wieder ans Telefon mit der Tierärztin.

Ein Termin wurde gemacht und dann mal mit Ultraschall geschaut, was denn die Sehnen so machen. Und dabei kam dann so klammheimlich die Ursache für all die Probleme ans Licht. Es ergab sich eine “raue” Stelle am Unterstützungsband der tiefen Beugesehne- das war das was schmerzempfindlich war. Und ein heilender vergrößerter Fesselträgerast- der letztlich an allem Schuld war und die Gelenkreizung und die Reizung des Unterstützungsbandes nach sich gezogen hat, weil er mit Schonhaltung nicht mehr kompensieren konnte. Aber was noch verrückter war, war das Alter dieses Ausgangsproblems- man kann am Heilungszustand anscheinend sehen wie weit die Verletzung ca. zurück liegt und bei uns war das “irgendwann im Winter”. Und da lief er, wie gesagt, wie ein Uhrwerk. Nicht lahm vorn, nicht einen Tag. 

Gladur mit Kühlgamasche

Die Therapie sollte aus Schrittruhe bestehen und anfangs noch lange, lange kühlen. Das habe ich mit einer Kühlgamasche und Perkutin gemacht. Allmählich dann das Perkutin weggelassen und stattdessen Tensolvet geschmiert. Bei Wärme im Bein dann wieder Perkutin. 

Da Glaður nie und nimmer die Schrittruhe konsequent einhalten würde und auch sonst immer gern mal Startschwierigkeiten bei der Heilung hat, haben Yvonne und ich beschlossen, ihm eine intensive Behandlung angedeihen zu lassen. Vier Wochen lang kam sie jede Woche einmal und hat die Sehnen, sowie alle verspannten Stellen ausgiebig mit dem Laser behandelt. Am Ende gab es zusätzlich auch noch eine zweite Akupunktursitzung. 

Danach fand ich ihn ein-zwei Wochen eher noch vorsichtiger und man sah ihn im Ruhen sehr stark entlasten. Aber ich hab einfach tapfer weggeguckt, denn man kennt das ja, wie frische Muskel- oder Bänderverletzungen weh tun können.  Offensichtlich war das genau richtig, denn ab da wurde es stetig besser.  Zwischendurch war das Bein auch bereits wieder komplett abgeschwollen. Im Moment sind die Sehnenscheiden wegen des glatten Bodens etwas gefüllt, aber er ist konstant lahmfrei.

Nach Neun Wochen war jetzt Ultraschall-Kontrolle. Ich war mir nicht sicher was ich erwarten kann. Zum einen ist er ja etwas älter, heilt also langsamer, und nicht immer der Musterpatient. Zudem war er gerade kürzlich durch den Zaun auf seinen Selfmade Geländekurs abgehauen. Andererseits war er immer noch lahmfrei.

Und siehe da- im Ultraschall sah man sehr deutliche Verbesserungen- das Unterstützungsband ist wieder unauffällig und der Fesselträger hat sich sehr verbessert. Am auffälligsten waren im Moment noch die gefüllten Sehnenscheiden.  Unsere Tierärztin war sehr zufrieden und wir haben eine Freigabe für Spazieren so viel wir wollen und langsamer Arbeitsbeginn im Schritt, wobei wir auf guten Boden achten müssen. Und für mich heißt das, ich muss nicht innerlich gleich tausend Tode sterben, wenn es doch mal mit ihm durchgeht und er auf der Weide rumhopst. 

Wir- Motivationsspruch

Ein weiteres Mal haben wir also die Chance mit ordentlich Arbeitseinsatz mit einem blauen Auge davon zukommen und das er wieder ganz heil wird. 

Was mich an ihm ja fasziniert- er stellt die wildesten Sachen an und läuft damit durch die Gegend als wäre nichts. Und wenn er dann nicht mehr kann, ist er erstmal richtig krank. Nur um dann, wenn man ihm hilft sich selber zu helfen, in dem man zusätzlich zur Standardtherapie seine Selbstheilungskräfte anspricht, spektakulär schnelle Verbesserungen zu zeigen. 

Und auf mich bin ich auch stolz- wenn das Pferd krank ist, fallen einem ja tausend Möglichkeiten ein, wie man da selber noch rumschrauben könnte. Vorallem im Zusatzfutter-Sektor oder mit irgendwelchen Wickeln oder Bandagen. Aber diesesmal hab ich mal gar nichts gefüttert und habe auch der Idee widerstanden irgendwas an das Bein zu machen. Das wäre auch eigentlich besonderer Quatsch gewesen- keine Bandage oder Gamasche dieser Welt hält der Beschleunigung von knapp 400 lebhaften Kilogramm ernsthaft stand. Und…. die restlichen 23 Stunden im Paddock hat er auch nichts an. Also hieß es: Das heilt so! 

Und dankbar bin ich an dieser Stelle auch:

Für den unbeugsamen Willen, sich auch nicht von Schmerzen aus der Bahn werfen zu lassen

Für die Coolness mit der er Behandlungen erträgt, auch wenn es mal kurz wehtut oder unangenehm ist.

Wie brav er sich überall anfassen lässt, nicht nur von mir. Und dabei ganz still steht, auch wenn das Herz manchmal klopft. 

Man nimmt das manchmal viel zu selbstverständlich hin. Aber das ist ein großes Tier, was man mit einem popeligen kleinen Halfter hält. Der muss gar nichts, wenn er nicht will. 

 

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